Inhaltsverzeichnis
Typischer Einsatzbereich MIL-W-22759/Klasse Hochtemperatur
Projekt-Schnappschuss: Abweichungs- und Änderungsmanagement
Typisches Projektmuster, illustrativ und anonymisiert dargestellt.
Ausgangslage
Illustratives Projektmuster aus dem Bereich Elektroindustrie. Schwerpunkt: Abweichungs- und Änderungsmanagement.
Eckwerte aus dem Projekt
In solchen Lieferbeziehungen sind Leitungstyp, Steckverbinder, Prüfumfang und Qualitätsrahmen vorab definiert.
Vorgehen
Wiringo hat den Vorgang strukturiert begleitet — von Engineering-Klärung und Bemusterung bis zur dokumentierten Serienfreigabe. Prüfumfang, Materialnachweise und Lieferplan wurden vor Serienstart abgestimmt.
Ergebnis
Das Projekt ist im freigegebenen Korridor angelaufen. Die typischen Eckwerte (siehe rechts) sind verallgemeinert dargestellt.
Typische Eckdaten dieses Projekttyps
- projektabhängige Stückzahlen und Lieferzeit
- kundenspezifische Steckverbinderkonfiguration
- spezifizierter Leitungs- und Materialaufbau
Repräsentatives, illustratives Projektmuster. Kennzahlen verallgemeinert dargestellt.
Salznebel-Prüfung nach MIL-STD-202G Methode 101
Datenrate MIL-STD-1553B Bus auf verdrillter Doppelleitung
Erwartete Einsatzdauer in Bestandsflotten und Land-Plattformen
Praxis-Wissen aus der Defence-Fertigung
Dieser Leitfaden basiert auf unserer Erfahrung in der Konfektion von MIL-SPEC-Kabelbäumen für Bodenfahrzeuge, UAV-Subsysteme und Avionik-Erweiterungen. Alle Normverweise beziehen sich auf den Stand April 2026 und berücksichtigen die zuletzt veröffentlichten Revisionen MIL-STD-810H, MIL-STD-461G und IPC/WHMA-A-620 Rev. E.
Warum MIL-SPEC eine eigene Welt ist
MIL-SPEC steht für „Military Specification“ — ein Sammelbegriff für US-amerikanische Pflichtenhefte, die das Verteidigungsministerium (DoD) für Bauteile, Materialien und Prüfverfahren herausgibt. Im Bereich der Kabelkonfektion betreffen sie Steckverbinder (MIL-DTL-38999), Einzelleitungen (MIL-W-22759), Verdrahtungsregeln (SAE AS50881, ehemals MIL-W-5088) und ein dichtes Netz an Prüfnormen (MIL-STD-202G, MIL-STD-810, MIL-STD-461).
Auch wenn viele MIL-Standards inzwischen in zivile SAE-AS-Dokumente überführt wurden, bleibt die alte MIL-Nummerierung in Beschaffungsverträgen präsent. Plattformen wie F-16, Leopard 2, Eurofighter, NH90 oder Patriot werden über Jahrzehnte modernisiert — und der Kabelbaum eines MIL-DTL-38999-Steckverbinders muss heute genauso zur Drawing Note von 1992 passen wie zum aktuellen Pflichtenheft.
4 Eigenheiten, die MIL-Programme von zivilen Projekten trennen
Extreme Umweltbedingungen
Wüstensand bei +71 °C, Schiffseinsatz mit Salzwasser, Höhenflüge bei -55 °C — alles in einer Plattform. Materialien nach MIL-W-22759/16 oder /32 sind Standard.
Konfigurationsmanagement
Jede Änderung verlangt Engineering Change Notice (ECN), FAI nach AS9102 und Freigabe durch den Hauptauftragnehmer. Kein Drop-in-Replacement ohne Dokumentation.
Counterfeit-Parts-Risiko
Gefälschte Steckverbinder und Leitungen aus Grauimporten sind ein dokumentiertes Problem. AS6081/AS5553 verlangen kontrollierte Beschaffung und Eingangsinspektion.
Export-Kontrolle (ITAR/EAR)
US-Plattformdaten unterliegen ITAR (USML), Dual-Use-Komponenten dem EAR. Lieferanten brauchen ITAR-Registrierung oder TAA, sonst keine technische Datenübermittlung.
Achtung: MIL-Standard inaktiv heißt nicht ungültig
Viele MIL-Standards sind formal „inactive for new design“ — etwa MIL-W-22759, das durch SAE AS22759 ersetzt wurde. Inhaltlich sind die Dokumente weitgehend identisch, aber die Vertragsbezeichnung in Bestandsplattformen verweist weiterhin auf die MIL-Nummer. Lieferanten müssen beide Welten beherrschen und die jeweils zitierte Revision liefern.
Hommer Zhao
Geschäftsführer & Gründer, Wiringo
Warum MIL-SPEC nicht einfach „hochwertiger“ ist:
„Wir hören oft: ‚Liefern Sie uns einen MIL-SPEC-Kabelbaum, das ist ja im Prinzip ein besserer industrieller.‘ Das stimmt nicht. MIL-SPEC bedeutet, dass jedes Bauteil eine Source-Control-Drawing-Nummer hat, jeder Crimpkontakt mit einem qualifizierten Werkzeug nach AS22520 verarbeitet wird und jede Charge über 11 Jahre hinweg rückverfolgbar bleibt.“
„Der Mehraufwand gegenüber einem industriellen Kabelbaum liegt nicht in der besseren Materialqualität allein, sondern im gesamten Konfigurations- und Dokumentationsapparat dahinter. Wer das unterschätzt, scheitert spätestens in der ersten First Article Inspection.“
Die wichtigsten MIL-Normen im Überblick
Die folgende Tabelle gibt den schnellen Überblick über die MIL-Standards, die in nahezu jedem Defence- oder Aerospace-Pflichtenheft auftauchen. Sie ist die Basis, um eingehende RFQs schnell auf Vollständigkeit zu prüfen.
| Norm | Bereich | Kerninhalt | Status |
|---|---|---|---|
| MIL-DTL-38999 | Steckverbinder | Rundsteckverbinder Series I-IV, Bajonett oder Triple-Start-Gewinde, mit/ohne Hermetic-Variante | Aktiv |
| MIL-W-22759 / SAE AS22759 | Einzelleitung | Hochtemperatur-Leitungen mit ETFE, PTFE, PTFE/PI-Verbund; vernickeltes oder versilbertes Kupfer | SAE-Migration |
| MIL-STD-1553B | Datenbus | 1 Mbit/s seriell, geschirmte verdrillte Doppelleitung, Transformator-Kopplung, Manchester-II-Codierung | Aktiv |
| MIL-STD-202G | Prüfverfahren | Standardisierte Tests für elektronische Bauteile: Salznebel, Feuchte, Vibration, mechanischer Schock | Aktiv |
| MIL-STD-810H | Umweltprüfung | Plattformorientierte Methodensammlung: Vibration, Schock, Höhe, Temperatur, Sand, Salznebel | Aktiv |
| MIL-STD-461G | EMV | Conducted/Radiated Emissions und Susceptibility: CE101-CS118, RE101-RS105 nach Plattformkategorie | Aktiv |
| SAE AS50881 | Verdrahtung | Verkabelung von Luftfahrzeugen — Leitungsauswahl, Strombelastbarkeit, Verlegung, Kennzeichnung | Aktiv |
| IPC/WHMA-A-620 Kl. 3 | Verarbeitung | Höchste Verarbeitungsklasse für Crimp, Lötstellen, Inspektion und Reparatur — Pflicht für MIL-Lieferungen | Qualität |
| AS9100D | QM-System | Erweitert ISO 9001 um Konfigurationsmanagement, AS9102-FAI, Counterfeit-Parts-Vermeidung, OASIS-Registrierung | Qualität |
Wer das gesamte Set abdecken kann, ist sowohl für ziviles Aerospace als auch für militärische Plattformen anschlussfähig — die Verarbeitungsregeln nach IPC/WHMA-A-620 Klasse 3 sind in beiden Welten identisch.
MIL-DTL-38999: Der Steckverbinder-Standard
MIL-DTL-38999 ist die meistgenutzte Steckverbinder-Familie in der militärischen Luftfahrt und in robusten Bodenanwendungen. Die Spezifikation definiert vier Bauformen (Series I-IV), elf Schalengrößen, mehrere Kontaktanordnungen (insert arrangements) und mehrere Abschlüsse (Crimp, Löt, Print). Hauptlieferanten sind Glenair, Amphenol Aerospace, Souriau (Eaton), ITT Cannon und TE Connectivity.
Series I bis IV im Vergleich
| Series | Kupplung | Profil | Typische Verwendung |
|---|---|---|---|
| Series I | Bajonett | Standard | Legacy in Bestandsflotten — bei Neukonstruktion vermieden |
| Series II | Bajonett | Niedriges Profil | Avionik mit beengtem Bauraum, Cockpit-Panels |
| Series III | Triple-Start-Gewinde | Standard | De-facto-Standard für neue Plattformen, robust gegen Vibration |
| Series IV | Breech-Coupling | Standard | Selten, vor allem britische Verteidigungsprogramme |
Schalenmaterial und Beschichtung
Aluminium mit Cadmium (Class W)
- • Salznebel 500 h nach MIL-STD-1344
- • Cadmium ist REACH-eingeschränkt — heute zunehmend ersetzt
- • Standard in US-Programmen mit Bestandsdokumentation
Aluminium mit Zink-Nickel (Class T/Z)
- • REACH- und RoHS-konform — empfohlen für EU-Programme
- • Salznebel > 500 h, vergleichbar mit Cadmium
- • Glenair Series 233/234, Amphenol GT-Reverse-Bayonet als Äquivalente
Composite (Class M)
- • Bis zu 40 % leichter als Aluminium
- • Nicht hermetisch — für Kabine und nicht-flüchtige Bereiche
- • Glenair MIL-DTL-38999 Series III Composite, Amphenol Aerospace M-Klasse
Edelstahl (Class K)
- • Hermetisch dichte Variante für Druckschott und Triebwerk
- • Glas-Metall-Einschmelzung der Kontakte
- • Höchstes Gewicht — gezielt für kritische Anwendungen
REACH-Falle: Cadmium-Beschichtung
Cadmium ist seit 2011 in der REACH-Kandidatenliste (SVHC). Lieferungen an EU-Endkunden mit Cadmium-Steckverbindern brauchen formale Ausnahmen oder Migration auf Zink-Nickel-Äquivalente. Glenair, Amphenol und Souriau bieten für alle gängigen Series-III-Konfigurationen drop-in-kompatible Zink-Nickel-Varianten an — die Bauform bleibt identisch, nur der Class-Code im Bestellschlüssel ändert sich.
MIL-W-22759: Leitungen für extreme Bedingungen
MIL-W-22759 (heute SAE AS22759) ist die meistgenutzte Spezifikation für Einzelleitungen in militärischer Luftfahrt und Defence-Bodenfahrzeugen. Sie definiert über 50 Slash-Nummern für unterschiedliche Kombinationen aus Leiter, Isolation und Temperaturklasse. Die Auswahl der richtigen Slash-Nummer ist das häufigste Stolpern in MIL-RFQs.
Die wichtigsten Slash-Nummern in der Praxis
| Slash-Nr. | Leiter | Isolation | Temperaturbereich | Typische Verwendung |
|---|---|---|---|---|
| /16 | Verzinntes Cu | ETFE (Tefzel) | -65 bis +150 °C | Avionik-Standardleitung, Kabine |
| /32 | Versilbertes Cu | PTFE (Teflon) | -65 bis +200 °C | Triebwerksnähe, Hochtemperatur |
| /41 | Versilbertes Cu | XL-ETFE | -65 bis +150 °C | Leichtbau-Avionik, neue Plattformen |
| /86 | Versilbertes Cu | PTFE/PI/PTFE-Verbund | -65 bis +200 °C | Arc-Track-resistente Leichtleitung |
| /87 | Vernickeltes Cu | PTFE/PI/PTFE-Verbund | -65 bis +260 °C | Hochtemperatur, Triebwerksbereich |
Hauptmerkmal der Slash-Nummern /86 und /87 ist der dreilagige Aufbau aus PTFE-Kern, Polyimid-Folie (Kapton-Äquivalent) und einer äußeren PTFE-Schutzschicht. Die PTFE-Außenlage verhindert Arc Tracking, das in reinen Polyimid-Isolierungen wie Raychem Spec 55 (heute mit PTFE-Schutz) oder Tyco Filotex auftreten kann. Das Sicherheitsproblem führte nach Vorfällen wie Swissair 111 (1998) zu verbindlichen Migrationsprogrammen in zivilen Flotten.
Verzinntes Kupfer
Standard bis +135 °C, kostengeunstig, sehr gute Lötbarkeit. Bei längerer Hochtemperatur-Belastung Risiko der Diffusion zwischen Zinn und Kupfer.
Versilbertes Kupfer
Bis +200 °C, gute Lötbarkeit, Gefahr der „Red Plague“ (Kupferoxid) bei Feuchteexposition. Standard für MIL-W-22759/32 und /41.
Vernickeltes Kupfer
Bis +260 °C einsetzbar, schwerere Lötbarkeit (aktivere Flussmittel nötig). Pflichtwahl bei Triebwerks- und Heizleitungen.
Die Auswahl der Isolation muss zur Verarbeitung passen: PTFE lässt sich nicht mit Standard-Heißcutter trennen und braucht spezielle Abisoliermaschinen mit geregelten Klingen. Mehr dazu im Beitrag zu Hochtemperatur-Kabelmaterialien.
Hommer Zhao
Geschäftsführer & Gründer, Wiringo
Slash-Nummer-Verwechslung ist die teuerste Falle:
„Wir haben mehrfach erlebt, dass Beschaffer eine M22759/16 bestellen, wo das Pflichtenheft eine /87 verlangt — beides sieht im Datenblatt ähnlich aus. Im Salznebel- oder Hochtemperaturtest fällt der Unterschied aber sofort auf. Bei MIL-Lieferungen bedeutet das: kompletter Strang gestrichen, neuer FAI-Lauf, Lieferverzug von 8-12 Wochen. Prüfen Sie die Slash-Nummer doppelt — am besten mit Schliffbild aus der Eingangskontrolle.“
MIL-STD-1553: Datenbus-Verkabelung
MIL-STD-1553B ist seit den 1970er-Jahren der Standard-Datenbus militärischer Luftfahrt. Trotz seiner Datenrate von nur 1 Mbit/s ist er bis heute in F-16, F/A-18, Eurofighter Typhoon, Tornado, Apache und vielen Bodenplattformen aktiv — weil er extrem robust, redundanzfähig und transformator-gekoppelt ist. Für Kabelbaumlieferanten ist die korrekte Auslegung des Bus-Kabels entscheidend.
Buskabel-Spezifikation
- • Geschirmte verdrillte Doppelleitung (STP)
- • Charakteristische Impedanz 78 Ohm bei 1 MHz (nominal 70-85 Ohm)
- • Kapazität < 100 pF/m
- • Dämpfung < 1,5 dB pro 100 Fuss bei 1 MHz
- • Typische Bestelltypen: M17/176-00002 (PTFE), Raychem RG-22/U-Äquivalente
Kopplungsregeln
- • Transformator-Kopplung: Stub bis 6,1 m, bis zu 31 RT pro Bus
- • Direkt-Kopplung: Stub max. 0,3 m
- • Abschluss: 78 Ohm an beiden Bus-Enden
- • Redundanz typisch dual-redundant (Bus A + Bus B)
Drei häufige Fehler in 1553-Kabelbäumen
Falscher Wellenwiderstand des Bus-Kabels
Standard-RG-58 (50 Ohm) statt 78-Ohm-1553-Kabel — führt zu Reflexionen und unzulässigen Manchester-II-Wellenformen. Eingangs- und Stichprobenkontrolle nach MIL-STD-1553B Pkt. 4.5 ist Pflicht.
Stub-Länge überschritten
Direct-Coupled-Stubs dürfen 0,3 m nicht überschreiten. In nachgerüsteten Systemen wird das oft missachtet, weil Steckverbinderpositionen wandern. Prüfen mit Schaltplan und LRU-Position.
Schirmung am Buskoppler nicht durchgeschleift
Der Schirm muss durch den Buskoppler hindurch durchgängig sein, sonst entsteht eine Antennenwirkung und das System fällt im EMV-Test (MIL-STD-461 RE102) durch.
Migration zu Fibre Channel und AFDX
Neue Plattformen ersetzen 1553 zunehmend durch Fibre Channel (FC-AE-1553), AFDX/ARINC 664 oder TTEthernet. In Bestandsplattformen bleibt 1553 als Backbone-Bus für Flugsteuerung und Waffensysteme bestehen, neue Subsysteme werden über Gateways angebunden. Kabelbaumlieferanten müssen heute beides können — Legacy-1553 und moderne hochbitratige Datenbusse.
Qualifikation, AS9100 und ITAR
Die Qualifikation eines Lieferanten für MIL-SPEC-Kabelbäume folgt einem klar strukturierten Pfad. Wer noch nie für ein Defence-Programm geliefert hat, unterschätzt regelmäßig den Zeit- und Dokumentationsaufwand. Die folgenden sieben Bausteine sollten in jeder RFQ explizit abgeprügt werden.
1. AS9100D-Zertifizierung mit OASIS-Eintrag
Pflicht. Erweitert ISO 9001 um Konfigurationsmanagement, FAI nach AS9102, Counterfeit-Parts-Vermeidung nach AS5553/AS6081 und Risikomanagement. Eintrag in OASIS-Datenbank ist für OEMs verifizierbar.
2. IPC/WHMA-A-620 Klasse 3 mit zertifizierten Inspektoren
Höchste Verarbeitungsklasse. Inspektoren mit gültigem CIT/CIS-Zertifikat, dokumentierte Schulungsmatrix und regelmäßige Re-Zertifizierung alle zwei Jahre.
3. Rückverfolgbarkeit auf Charge und Werkzeug
Jeder Crimp dokumentiert mit Werkzeug-ID, Crimphöhe und Prüfkraft. Schliffbilder pro Charge. Aufbewahrung der Records für mindestens 11 Jahre, bei einigen Plattformen über die gesamte Einsatzdauer.
4. Qualifizierte Werkzeuge nach AS22520
Crimpzangen mit kalibrierter Kraftüberwachung, jährliche Kalibrierung gegen MIL-zertifiziertes Prüfnormal. Verbot von Improvisationswerkzeugen — keine Standard-Industrie-Crimper.
5. FOD-Programm und Sauberkeitsdisziplin
Foreign Object Debris Prevention nach NAS 412. Werkzeugkontrolle mit Shadow-Boards, kontrollierte Arbeitsplätze und Endinspektion auf Fremdkörper. Pflicht für Avionik und Triebwerksnähe.
6. First Article Inspection nach AS9102
Vollständige Vermessung und Dokumentation des ersten Fertigungsstücks: alle Maße, Materialien, Prozessparameter, Crimp-Schliffbilder und Prüfprotokolle. Forms 1, 2 und 3 in der OEM-Sprache.
7. ITAR/EAR-Compliance bei US-Programmen
Bei USML-relevanten Daten ist ITAR-Registrierung oder eine TAA (Technical Assistance Agreement) nötig. Zugangskontrollen, Datensicherheit, kein Unterauftrag ohne Genehmigung. Bei reinen EAR-Daten reicht meist eine Export-Compliance-Erklärung.
Häufige Pitfalls bei der Lieferantenauswahl
„AS9100-äquivalent“ ohne Zertifikat
Manche Lieferanten werben mit „AS9100-konformem QM-System“, besitzen aber kein Zertifikat. Für Defence-Programme nicht akzeptabel — der OEM verlangt OASIS-Nummer und Zertifikat.
Counterfeit-Bauteile aus Grauimport
MIL-DTL-38999-Steckverbinder aus nicht-autorisierten Quellen sind ein bekanntes Problem. Beschaffung ausschließlich über autorisierte Distributoren (Glenair, Amphenol, Souriau, TE) und mit CofC.
ITAR-Daten an unregistrierten Standort
Bereits das Senden einer Konstruktionsdatei an einen Lieferanten ohne ITAR-Registrierung ist ein Verstoß. Im Vorfeld prüfen, ob das Programm USML-relevant ist und ob Lieferanten in geprüften Ländern sitzen.
Unterschätzte Dokumentationslast
Pro Charge entstehen 50-200 Seiten Dokumentation: FAI, Prüfprotokolle, Crimp-Records, Materialzertifikate. Lieferanten ohne strukturiertes eQMS scheitern an dieser Last und liefern verspätet.
Die frühzeitige Lieferantenqualifikation spart spätere Lieferengpässe — für MIL-Programme planen wir typischerweise 12-24 Monate vom Erstaudit bis zur Serienfreigabe.
Hommer Zhao
Geschäftsführer & Gründer, Wiringo
Was Defence-Einkäufer wirklich bewerten:
„Wenn wir mit deutschen Defence-Einkäufern sprechen, geht es selten primär um den Stückpreis. Es geht darum, ob der Lieferant das Konfigurationsmanagement beherrscht, ob die FAI-Dokumentation ohne Nacharbeit durchgeht und ob die Charge nach 8 Jahren noch lückenlos rückverfolgbar ist. Das sind die Punkte, die ein Programm scheitern oder gewinnen lassen — der Crimp selbst ist nur das sichtbare Ergebnis eines viel größeren Prozesses.“
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was unterscheidet einen MIL-SPEC-Kabelbaum von einem industriellen Kabelbaum?
MIL-SPEC-Kabelbäume erfüllen militärische Pflichtenhefte wie MIL-DTL-38999 für Steckverbinder und MIL-W-22759 für Einzelleitungen. Sie werden auf Vibration nach MIL-STD-810, EMV nach MIL-STD-461 und Salznebel nach MIL-STD-202G qualifiziert. Die Verarbeitung folgt IPC/WHMA-A-620 Klasse 3, ergänzt um lückenlose Chargenrückverfolgbarkeit, AS9100-QM-System und ITAR-Compliance bei US-Programmen.
Welche MIL-DTL-38999-Serie eignet sich für welche Anwendung?
Series I (Bayonett-Verriegelung) ist Legacy und wird bei Neukonstruktionen kaum noch eingesetzt. Series II (Bajonett, niedriges Profil) findet sich in Avionik mit begrenztem Bauraum. Series III (Triple-Start-Gewinde) ist heute der De-facto-Standard für neue Plattformen — robust gegen Vibration, schnell verschraubbar und in mehreren Schalengrößen verfügbar. Series IV (Breech-Coupling) wird selten genutzt, vor allem im UK-Verteidigungsbereich.
Welche Tests verlangt MIL-STD-810 für Kabelbäume?
MIL-STD-810H definiert Umweltprüfungen wie Methode 514.8 (Vibration), 516.8 (Schock), 501.7/502.7 (Hochtemperatur/Tieftemperatur), 507.6 (Feuchte), 509.7 (Salznebel) und 510.7 (Sand und Staub). Welche Methoden konkret anzuwenden sind, definiert das Pflichtenheft des Plattformherstellers. Typisch für Bodenfahrzeuge sind Vibration, Schock und Salznebel; für Avionik kommen Druckhöhe und thermische Schocks hinzu.
MIL-STD-1553 vs. MIL-STD-1773 — was ist der Unterschied?
MIL-STD-1553B ist der klassische serielle Datenbus (1 Mbit/s) auf geschirmten verdrillten Doppelleitungen mit Transformator-Kopplung. MIL-STD-1773 ist die Glasfaser-Variante des gleichen Protokolls. 1553 dominiert heute weiterhin in Bestandsplattformen wie F-16, F/A-18 und Eurofighter. Neue Designs migrieren zu Fibre Channel, AFDX (ARINC 664) oder TTEthernet, behalten 1553 aber als Backbone-Bus für Flugsteuerung und Waffensysteme.
Brauchen wir wirklich AS9100, oder reicht ISO 9001 für MIL-Programme?
Für subkritische Komponenten reicht ISO 9001 in Einzelfällen. Für Plattformlieferungen verlangen Hauptauftragnehmer wie Lockheed Martin, Northrop Grumman, Airbus Defence oder Rheinmetall ausnahmslos AS9100D mit OASIS-Registrierung. AS9100 erweitert ISO 9001 um Konfigurationsmanagement, FAI nach AS9102, Risikomanagement und Counterfeit-Parts-Vermeidung — alles Pflichtelemente bei MIL-SPEC-Kabelbäumen.
Wie lange dauert die Erstqualifikation eines MIL-SPEC-Kabelbaum-Lieferanten?
Realistisch 12 bis 24 Monate vom Erstaudit bis zur Serienfreigabe. Phasen: AS9100-Vor-Audit (2-3 Monate), Probestrang inklusive FAI nach AS9102 (3-6 Monate), Qualifikationsprüfung nach Plattform-Pflichtenheft (4-9 Monate), OEM-Freigabe und Erstmusterabnahme (1-3 Monate). ITAR-Registrierung bei US-Programmen kostet zusätzliche 6-12 Monate, wenn Daten der Klassifikation USML Category XI oder XII unterliegen.
Quellen und weiterführende Literatur
- [1]DLA Land and Maritime: MIL-SPEC and MIL-STD Document Database
- [2]Glenair: MIL-DTL-38999 Series III Product Guide
- [3]SAE International: SAE AS22759 — Wire, Electric, Fluoropolymer-Insulated
- [4]Wikipedia: MIL-STD-1553 Serial Data Bus
- [5]Wikipedia: MIL-DTL-38999 Circular Connector
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Hommer Zhao
Founder & General Manager
Hommer Zhao ist Gründer von Wiringo und berät deutsche Aerospace- und Defence-Unternehmen bei der Auslegung und Beschaffung MIL-SPEC-konformer Kabelbäume — von der Slash-Nummer der MIL-W-22759-Leitung bis zur AS9100-Lieferantenqualifikation.
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