📋 Inhaltsverzeichnis
1Warum Zertifizierungen wichtig sind
Bevor wir in die Details gehen: Warum überhaupt Zertifizierungen? Ist das nicht nur ein teures Stück Papier für die Wand?
Ganz ehrlich: Für manche Branchen – ja. Aber in der Automobilindustrie und anderen sicherheitskritischen Bereichen sind Zertifizierungen Türöffner und Ausschlusskriterium zugleich.
Harte Realität: Ohne IATF 16949 werden Sie von keinem deutschen OEM oder Tier-1 auch nur ein Angebot abgeben dürfen. Das gilt für VW, BMW, Mercedes, Porsche – alle. Kein IATF = Keine Automotive-Aufträge.
Aber bedeutet das, dass jeder IATF braucht? Definitiv nicht. Lassen Sie uns beide Standards genauer ansehen.
2ISO 9001 – Die Basis für Qualitätsmanagement
Der Universalstandard
ISO 9001 ist der weltweit anerkannte Standard für Qualitätsmanagementsysteme (QMS). Er legt die Grundanforderungen fest, die ein Unternehmen erfüllen muss, um konsistent Produkte und Dienstleistungen zu liefern, die Kundenanforderungen und gesetzliche Vorgaben erfüllen.
ISO 9001:2015 – Die Kernelemente
Kundenorientierung
Anforderungen verstehen und erfüllen
Führung
Einheitliche Ausrichtung schaffen
Prozessansatz
Systematische Steuerung der Abläufe
Kontinuierliche Verbesserung
Ständige Optimierung
Faktenbasierte Entscheidungen
Datengetriebenes Management
Beziehungsmanagement
Lieferanten- und Partnerbeziehungen
ISO 9001 ist branchenunabhängig – vom Bäcker bis zum Softwareunternehmen kann jeder zertifiziert werden. Das macht es flexibel, aber auch... sagen wir: unspezifisch für bestimmte Hochrisiko-Branchen.
3IATF 16949 – Der Automotive-Turbo
Speziell für die Automobilindustrie
IATF 16949 (früher ISO/TS 16949) ist kein eigenständiger Standard, sondern eine Erweiterung von ISO 9001 speziell für die Automobilindustrie. Er wurde von der International Automotive Task Force (IATF) entwickelt – einem Konsortium aus OEMs wie BMW, Ford, GM, VW und anderen.
IATF 16949:2016 – Zusätzliche Anforderungen
- Produktsicherheit – strukturierter Umgang mit sicherheitsrelevanten Bauteilen
- APQP – Advanced Product Quality Planning
- PPAP – Production Part Approval Process
- FMEA – Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse
- SPC – Statistische Prozesskontrolle
- MSA – Messsystemanalyse
- Kundenspezifische Anforderungen (CSR) der OEMs
Wichtig zu wissen
IATF 16949 enthält alle Anforderungen der ISO 9001 plus umfangreiche automotive-spezifische Zusatzanforderungen. Ein IATF-zertifiziertes Unternehmen erfüllt also automatisch auch ISO 9001.
4Der direkte Vergleich
| Kriterium | ISO 9001:2015 | IATF 16949:2016 |
|---|---|---|
| Branchenfokus | Branchenunabhängig | Nur Automotive |
| Basis | Eigenständig | ISO 9001 + Erweiterung |
| FMEA erforderlich | Nein | Ja, verpflichtend |
| PPAP erforderlich | Nein | Ja, verpflichtend |
| Kundenspez. Anforderungen | Optional | Verpflichtend |
| Auditintervall | 3 Jahre (+ jährlich) | 3 Jahre (+ jährlich strenger) |
| Zertifizierungskosten ca. | 5.000 – 15.000 € | 15.000 – 50.000 € |
| Implementierungszeit | 6 – 12 Monate | 12 – 24 Monate |
| Produktsicherheit | Allgemein | Spezifische Anforderungen |
| Lieferkettenkontrolle | Basis | Erweitert (Tier-2, Tier-3) |
5Die zusätzlichen IATF-Anforderungen im Detail
APQP – Advanced Product Quality Planning
Strukturierter Prozess für die Produktentwicklung in 5 Phasen. Stellt sicher, dass alle Qualitätsaspekte von Anfang an berücksichtigt werden – von der Konzeptphase bis zum Serienanlauf.
PPAP – Production Part Approval Process
Formaler Freigabeprozess für Serienteile. Umfasst bis zu 18 Elemente, darunter Zeichnungen, FMEA, Kontrollplan, Messprotokolle und vieles mehr. Bei Kabelbäumen oft mit Erstmusterprüfbericht kombiniert.
FMEA – Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse
Systematische Methode zur Identifizierung potenzieller Fehler. Für jeden möglichen Fehler werden Schwere, Auftretenswahrscheinlichkeit und Entdeckungswahrscheinlichkeit bewertet. Kritisch bei sicherheitsrelevanten Kabelkonfektionen.
SPC – Statistische Prozesskontrolle
Überwachung und Steuerung von Prozessen mittels statistischer Methoden. Bei der Kabelbaum-Fertigung z.B. für Crimpkraft-Überwachung oder Durchgangsprüfung.
6Wann brauchen Sie was?
ISO 9001 reicht, wenn...
- Keine Automotive-Kunden geplant
- Industrie, Medizin, Gebäudetechnik etc.
- Kein OEM-Direktgeschäft angestrebt
- Fokus auf nicht-sicherheitskritische Produkte
- Kleinere Stückzahlen / Prototypen
IATF 16949 ist Pflicht, wenn...
- Lieferung an OEMs oder Tier-1
- Automobilprodukte im Portfolio
- Sicherheitsrelevante Bauteile
- Großserienproduktion für Automotive
- Langfristige Automotive-Strategie
Sonderfall Medizintechnik
Für Medizintechnik-Kabelbäume benötigen Sie weder ISO 9001 noch IATF 16949, sondern ISO 13485. Diese Norm ist speziell auf Medizinprodukte ausgerichtet und hat eigene strenge Anforderungen an Design, Validierung und Rückverfolgbarkeit.
7Worauf bei Lieferanten achten
Wenn Sie einen Kabelbaum-Hersteller suchen, sollten Sie auf mehr als nur das Zertifikat schauen:
🔍 Checkliste für die Lieferantenauswahl
Zertifikat gültig?
Ablaufdatum und Scope prüfen
Zertifizierungsstelle?
Akkreditierte Stelle wie TÜV, DEKRA?
Audit-Historie?
Keine kritischen Abweichungen?
Kundenspezifische Anforderungen?
VDA 6.3, Formel-Q etc. erfüllt?
8D-Prozess?
Wie werden Reklamationen bearbeitet?
Traceability?
Rückverfolgbarkeit gewährleistet?
Hommer's Tipp
Lassen Sie sich immer das Zertifikat mit Scope zeigen. Manchmal ist ein Unternehmen nur für einen Teilbereich zertifiziert. Wenn Sie Hochvolt-Kabelbäume brauchen, aber der Hersteller nur für Niedervolt zertifiziert ist, haben Sie ein Problem.
8Fazit & Empfehlung
Hommer's Fazit
Kurz und knapp
"IATF 16949 und ISO 9001 sind keine Konkurrenten – sie sind Verwandte. IATF ist der strenge ältere Bruder, der alles von ISO 9001 verlangt und dann noch eine Schippe drauflegt.
Meine Empfehlung: Wenn Sie heute noch keine Automotive-Ambitionen haben, starten Sie mit ISO 9001. Aber bauen Sie Ihre Prozesse so auf, dass ein späterer Aufstieg zu IATF möglich ist. Die Grundprinzipien sind dieselben – IATF verlangt nur mehr Dokumentation und Nachweisführung."
Die 3 wichtigsten Takeaways
- IATF baut auf ISO auf: Wer IATF hat, erfüllt automatisch ISO 9001
- Branche entscheidet: Automotive = IATF Pflicht, andere Branchen = ISO reicht meist
- Lieferanten prüfen: Scope und Gültigkeit des Zertifikats immer verifizieren
Weiterführende Artikel
Über den Autor
Hommer Zhao – Gründer & Kabel-Enthusiast
Hommer hat selbst IATF-Audits begleitet und weiß, worauf es bei Zertifizierungen wirklich ankommt. Seine Firma Wiringo ist IATF 16949 und ISO 9001 zertifiziert.
Unsere Zertifizierungen ansehen