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„Machen Sie den Kabelbaum einfach wasserdicht" – diesen Satz höre ich mindestens dreimal pro Woche. Klingt einfach, oder? Das Problem: „Wasserdicht" kann alles bedeuten – von „hält einen Regenschauer aus" bis „funktioniert in 10 Metern Wassertiefe".
Genau deshalb gibt es die IP-Schutzarten. Und genau deshalb führt die Verwirrung zwischen IP67 und IP68 zu den teuersten Fehlern in der Kabelbaum-Beschaffung. Ich habe Projekte gesehen, die 40% zu viel zahlten – und andere, die wegen falscher Spezifikation komplett neu starten mussten.
Was bedeutet IP-Schutzart?
IP steht für „International Protection" (oder „Ingress Protection") und beschreibt den Schutzgrad eines Gehäuses gegen das Eindringen von Fremdkörpern und Wasser. Die zweistellige Zahl nach dem IP gibt zwei verschiedene Schutzarten an:
Erste Ziffer: Staubschutz
Skala von 0-6. Die „6" bedeutet vollständiger Schutz gegen Staub – der höchstmögliche Wert.
Zweite Ziffer: Wasserschutz
Skala von 0-9K. Die „7" und „8" beschreiben unterschiedliche Grade des Untertauchens.
Wichtig zu verstehen:
Die zweite Ziffer baut nicht aufeinander auf! IP68 schützt NICHT automatisch gegen alles, wogegen IP67 schützt. IP68 testet nur dauerhaftes Untertauchen, nicht das temporäre Eintauchen von IP67. Für vollen Schutz brauchen Sie manchmal beide Tests.
IP67 im Detail erklärt
IP67 Spezifikation
Zeitlich begrenztes Eintauchen
Testbedingungen nach IEC 60529:
- Eintauchtiefe: 1 Meter unter der Wasseroberfläche
- Eintauchdauer: 30 Minuten
- Wassertemperatur: 15-35°C
- Ergebnis: Kein schädliches Eindringen von Wasser
Typische Anwendungen für IP67:
IP68 im Detail erklärt
IP68 Spezifikation
Dauerhaftes Untertauchen
Testbedingungen nach IEC 60529:
- Eintauchtiefe: Vom Hersteller spezifiziert (typisch 1,5-3m)
- Eintauchdauer: Dauerbetrieb möglich
- Druckbeständigkeit: Höher als bei IP67 (tiefenabhängig)
- Wichtig: Tiefe & Dauer MUSS vom Hersteller angegeben werden
Typische Anwendungen für IP68:
IP67 vs IP68: Direkter Vergleich
| Kriterium | IP67 | IP68 |
|---|---|---|
| Staubschutz | Vollständig (6) | Vollständig (6) |
| Eintauchtiefe | 1 Meter | >1 Meter (nach Angabe) |
| Eintauchdauer | 30 Minuten | Dauerbetrieb möglich |
| Druckbeständigkeit | ~0,1 bar (1m) | bis ~3 bar (30m) |
| Kosten-Aufpreis | Basis | +25-50% |
| Komplexität Fertigung | Mittel | Hoch |
| Steckverbinder-Auswahl | Groß | Eingeschränkt |
| Lieferzeit | Standard | +1-2 Wochen |
IP67 ist ausreichend wenn:
- • Eintauchen nur kurzzeitig möglich
- • Tiefe unter 1 Meter bleibt
- • Hauptgefahr ist Spritzwasser
- • Budget eine Rolle spielt
- • Schnelle Verfügbarkeit wichtig ist
IP68 ist nötig wenn:
- • Dauerhaftes Untertauchen erfolgt
- • Tiefe über 1 Meter erreicht wird
- • Wasserdruck ein Faktor ist
- • Sicherheitskritische Anwendung
- • Marine/Unterwasser-Einsatz
Anwendungsbereiche nach Branche
Automobilindustrie
Motorraum-Sensoren, Unterbodenverkabelung, Scheinwerfer
Wattiefe-Sensoren, E-Auto Batterie-Anschlüsse
Empfehlung: IP67 für 90% der Anwendungen, IP68 nur für spezielle EV-Komponenten
Medizintechnik
Reinigbare Geräte, OP-Beleuchtung
Sterilisierbare Instrumente, Endoskope
Empfehlung: IP68 für alles, was in Autoklaven sterilisiert wird
Industrieautomation
Sensoren, Aktoren, Steuerungen in feuchter Umgebung
Unterwasser-Robotik, Abwasseranlagen
Empfehlung: IP67 Standard, IP68 nur bei direktem Wasserkontakt
Consumer Electronics
Outdoor-Lautsprecher, Smartphones
Tauchcomputer, Unterwasserkameras
Empfehlung: IP67 für Alltagstauglichkeit, IP68 für spezielle Wassersport-Geräte
Kostenvergleich: Lohnt sich IP68?
Die Frage nach IP67 oder IP68 ist letztendlich auch eine Kostenfrage. Hier eine realistische Aufschlüsselung der Mehrkosten:
| Kostenfaktor | IP67 | IP68 | Mehrkosten |
|---|---|---|---|
| Steckverbinder (pro Stück) | €3-8 | €5-15 | +40-80% |
| Dichtungen & Verguss | Standard | Premium | +20-35% |
| Prüfkosten pro Los | €200-400 | €350-700 | +75% |
| Fertigungszeit | Standard | +15-25% | Indirekte Kosten |
| Gesamt-Aufpreis | Basis | +25-50% | — |
Praxis-Beispiel: 1.000 Kabelbäume
IP67 Variante
€45.000
Stückpreis: €45
IP68 Variante
€63.000
Stückpreis: €63 (+40%)
Auswahlkriterien: Der Entscheidungsbaum
Beantworten Sie diese fünf Fragen, um die richtige Schutzart zu finden:
1. Wird das Produkt jemals komplett in Wasser eingetaucht?
2. Wie tief ist die maximale Eintauchtiefe?
3. Wie lange dauert das Eintauchen maximal?
4. Ist Druckbeständigkeit (Tiefe) ein Faktor?
5. Was passiert bei Wassereintritt?
Die 80/20-Regel:
In unserer Erfahrung benötigen 80% aller Projekte maximal IP67. Wenn Sie sich unsicher sind, starten Sie mit IP67 – ein späterer Upgrade ist meist einfacher als ein Downgrade nach Überspezifikation.
Häufige Fehler vermeiden
Fehler: IP68 pauschal spezifizieren
Folge: +40% Mehrkosten ohne Nutzen
Lösung: Reale Einsatzbedingungen analysieren, nicht Worst-Case annehmen
Fehler: IP68 bedeutet automatisch besser
Folge: Falsche Erwartungen, IP68 schützt nicht vor Strahlwasser!
Lösung: IPX5/IPX6 für Hochdruckreiniger, IP68 nur für Untertauchen
Fehler: Herstellerangaben nicht prüfen
Folge: IP68 @ 1,5m ≠ IP68 @ 10m
Lösung: Immer Tiefe und Dauer vom Hersteller erfragen
Fehler: Steckverbindungen vergessen
Folge: Ein undichter Stecker macht alles zunichte
Lösung: Gesamtsystem betrachten, nicht nur Kabel
Fehler: Temperaturwechsel ignorieren
Folge: Kondensation im Inneren trotz IP68
Lösung: Druckausgleichsventile oder Trockenmittel einplanen
Hommer Zhao
Geschäftsführer & Gründer, Wiringo
Meine persönliche Einschätzung:
„In 15 Jahren Kabelkonfektion habe ich einen klaren Trend beobachtet: Deutsche Ingenieure neigen zur Überspezifikation. Das ist verständlich – niemand will für einen Ausfall verantwortlich sein. Aber IP68 ‚zur Sicherheit' zu spezifizieren ist wie ein Geländewagen für den Stadtverkehr.
Mein Rat: Definieren Sie Ihre echten Anforderungen. Wo genau wird das Produkt eingesetzt? Was ist das realistische Worst-Case-Szenario? Sprechen Sie mit uns – oft finden wir eine IP67-Lösung mit gezielten IP68-Elementen nur an den kritischen Stellen. Das spart 30% Kosten bei gleicher Sicherheit.
Die beste Schutzart ist nicht die höchste – sondern die richtige.
Fazit & Handlungsempfehlung
Die wichtigsten Erkenntnisse:
- IP67 und IP68 sind nicht linear – IP68 ersetzt nicht alle Tests von IP67
- IP67 reicht für 80% aller industriellen Anwendungen völlig aus
- IP68 kostet 25-50% mehr und sollte nur bei echtem Bedarf spezifiziert werden
- Die genaue Tiefe und Dauer bei IP68 muss vom Hersteller dokumentiert sein
- Das schwächste Glied bestimmt die Gesamtschutzart – auch Stecker prüfen!
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Über den Autor
Hommer Zhao – Geschäftsführer, Wiringo
Mit über 15 Jahren Erfahrung in der Kabelkonfektion berät Hommer Zhao Unternehmen bei der Auswahl der richtigen Schutzarten und Materialien. Er ist bekannt für seine praxisnahen Lösungen, die Qualität und Wirtschaftlichkeit vereinen.
