Inhaltsverzeichnis
Kapitel mit Abnahmekriterien
Projekt-Schnappschuss: Termintreue und Anlieferplan
Typisches Projektmuster, illustrativ und anonymisiert dargestellt.
Ausgangslage
Illustratives Projektmuster aus dem Bereich Marine. Schwerpunkt: Termintreue und Anlieferplan.
Eckwerte aus dem Projekt
In solchen Lieferbeziehungen sind Leitungstyp, Steckverbinder, Prüfumfang und Qualitätsrahmen vorab definiert.
Vorgehen
Wiringo hat den Vorgang strukturiert begleitet — von Engineering-Klärung und Bemusterung bis zur dokumentierten Serienfreigabe. Prüfumfang, Materialnachweise und Lieferplan wurden vor Serienstart abgestimmt.
Ergebnis
Das Projekt ist im freigegebenen Korridor angelaufen. Die typischen Eckwerte (siehe rechts) sind verallgemeinert dargestellt.
Typische Eckdaten dieses Projekttyps
- projektabhängige Stückzahlen und Lieferzeit
Repräsentatives, illustratives Projektmuster. Kennzahlen anonymisiert und verallgemeinert.
Produktklassen (Class 1–3)
Bilder und Illustrationen im Standard
Aktuelle Revision seit Oktober 2022
1. Was ist IPC/WHMA-A-620?
Der IPC/WHMA-A-620 ist der weltweit einzige im Branchenkonsens entwickelte Verarbeitungsstandard für Kabel- und Kabelbaum-Baugruppen. Herausgegeben von der IPC (Association Connecting Electronics Industries) in Zusammenarbeit mit der WHMA (Wire Harness Manufacturer's Association), definiert er Materialien, Methoden, Prüfungen und Abnahmekriterien für die gesamte Kabelbaum-Fertigung.
Ob gecrimpte, gelötete oder mechanisch gesicherte Verbindungen – der Standard deckt alle relevanten Fertigungsprozesse ab. Er ist das Pendant zum IPC J-STD-001 (Lötstandard für Leiterplatten), fokussiert aber ausschließlich auf Kabel- und Kabelbaumkonfektionierung. Die aktuelle Version ist Revision E, veröffentlicht im Oktober 2022.
Wichtig zu wissen
IPC/WHMA-A-620 ist keine Norm im Sinne der DIN oder ISO, sondern ein brancheninterner Konsensstandard. Trotzdem verlangen viele OEMs – besonders in Automotive, Luft- und Raumfahrt sowie Medizintechnik – die Fertigung nach diesem Standard als Lieferantenanforderung.
Abgrenzung zu verwandten Standards
| Standard | Fokus | Anwendung |
|---|---|---|
| IPC/WHMA-A-620 | Kabel- und Kabelbaum-Baugruppen | Crimpen, Löten, Montage, Zugentlastung |
| IPC J-STD-001 | Gelötete Leiterplatten-Baugruppen | SMT, THT, BGA-Lötverbindungen |
| IPC-A-610 | Elektronische Baugruppen (Leiterplatten) | Sichtprüfung PCB-Bestückung |
| IPC-D-620 | Design-Richtlinien für Kabelbäume | Konstruktion, Layout, Routing |
| UL 486A-486B | Crimpverbindungen (UL-Zulassung) | Nordamerika, sicherheitsrelevant |
2. Die drei Produktklassen: Klasse 1, 2 und 3
Das Herzstück des Standards ist die Einteilung in drei Produktklassen. Jede Klasse definiert unterschiedliche Anforderungen an Verarbeitung, Inspektion und Dokumentation. Die Klasse bestimmt der Auftraggeber – nicht der Hersteller.
Klasse 1 – Allgemein
Konsumgüter und Alltagselektronik, bei denen grundlegende Funktion genügt.
- Haushaltsgeräte
- Spielzeug, einfache Elektronik
- Geringste Inspektionstiefe
Klasse 2 – Gebrauchsgüter
Produkte mit erhöhter Lebensdauer und zuverlässiger Funktion.
- Industriesteuerungen
- Telekommunikation, IT-Systeme
- Automotive (Non-Safety)
Klasse 3 – Hochleistung
Sicherheitskritische Anwendungen, bei denen Ausfall inakzeptabel ist.
- Luft- und Raumfahrt
- Medizingeräte (lebenserhaltend)
- Militär, Verteidigung
Hommer Zhao
Founder & General Manager, Wiringo
"In der Praxis verlangt der Großteil unserer europäischen Kunden Klasse 2. Klasse 3 sehen wir vor allem bei Medizintechnik- und Aerospace-Projekten. Der Unterschied liegt nicht nur in engeren Toleranzen – bei Klasse 3 muss jede Nacharbeit dokumentiert und freigegeben werden. Das erhöht den Prüf- und Dokumentationsaufwand spürbar."
Detailvergleich der drei Klassen
| Kriterium | Klasse 1 | Klasse 2 | Klasse 3 |
|---|---|---|---|
| Sichtprüfung | Stichprobe | Häufiger | 100% jede Verbindung |
| Crimphöhe-Toleranz | Weiter | Enger | Am engsten |
| Nacharbeit-Dokumentation | Optional | Bei Reparatur | Immer erforderlich |
| Isolationsschaden | Tolerierbar | Begrenzt tolerierbar | Nicht tolerierbar |
| Zugprüfung Crimp | Stichprobe | Stichprobe je Los | Erhöht + Dokumentation |
| Typische Kosten | Basis | +10–20% | +30–50% |
3. Die 19 Kapitel im Überblick
Die Revision E hat eine komplett neue Kapitelstruktur eingeführt. Jedes Kapitel behandelt einen spezifischen Fertigungs- oder Prüfschritt mit detaillierten Akzeptanz-/Ablehnungskriterien für alle drei Klassen. Mit über 700 Bildern und Illustrationen ist der Standard bewusst visuell aufgebaut.
Allgemeine Anforderungen
Definitionen, Dokumentation, Materialien
Konfektionierung
Drahtabisolierung, Aderendhülsen, Vorbereitung
Löten an Klemmen
Lötverbindungen auf Anschlussklemmen
Crimpen (Stanzkontakte)
Gestanzte und geformte Crimpkontakte
Crimpen (Drehkontakte)
Bearbeitete/gedrehte Crimpkontakte
Schneidklemmtechnik (IDC)
Insulation Displacement Connectors
Ultraschallschweißen
Ultraschall-Verbindungstechnik
Spleißen
Kabelverbindungen, Spleisstechniken
Steckverbinder
Montage und Prüfung von Connectors
Umspritzung (Molding)
Overmolding, Verguss, Potting
Kennzeichnung
Beschriftung, Farbkodierung, Etiketten
Koaxialkabel
Koax-, Biax- und Triaxkabel-Verarbeitung
Schnürung & Bündelung
Wrapping, Lacing, Kabelbinder
Abschirmung
EMV-Schirmung, Schirmgeflecht-Verarbeitung
Baugruppen-Montage
Endmontage, Kabelführung, Zugentlastung
Wire-Wrap
Wire-Wrap-Verbindungstechnik
Prüfung & Messung
Elektrische Tests, Durchgang, Isolierung
Verpackung & Versand
Schutz, Lagerung, Transport
Spezielle Anwendungen
Flexible Leitungen, Sonderkonstruktionen
4. Crimp-Anforderungen nach IPC 620
Das Crimpen ist der häufigste Verbindungsprozess in der Kabelbaumfertigung. Die Kapitel 4 und 5 des Standards widmen sich ausführlich den Anforderungen an gestanzte, geformte und bearbeitete Crimpkontakte. Entscheidend sind Crimphöhe, Zugfestigkeit und visuelle Inspektion. Für einen Vergleich mit dem Löten lesen Sie auch unseren Artikel Crimp vs. Löten.
Akzeptanz- und Ablehnungskriterien
Akzeptabel
- Crimphöhe innerhalb der Herstellertoleranz (± 0,05 mm typisch)
- Leiterfenster vollständig geschlossen
- Abisolierlänge korrekt – Litze sichtbar in der Inspektion
- Zugprüfung bestanden (Mindestwerte nach Querschnitt)
- Keine beschädigten Einzeldrähte sichtbar
Ablehnungsgründe (Defekt)
- Crimphöhe außerhalb Toleranz
- Leiter nicht sichtbar im Inspektionsfenster (Klasse 2 & 3)
- Isolierung im Crimpbereich eingeklemmt
- Zugprüfung nicht bestanden
- Rückwärtiger Knick (Bellmouth fehlt bei Klasse 3)
Zugprüfwerte nach IPC 620 (Auszug)
| Leiterquerschnitt | AWG | Min. Zugkraft (N) |
|---|---|---|
| 0,22 mm² | 24 | 8,9 N |
| 0,5 mm² | 20 | 22,2 N |
| 1,0 mm² | 18 | 35,6 N |
| 1,5 mm² | 16 | 53,4 N |
| 2,5 mm² | 14 | 80,1 N |
| 4,0 mm² | 12 | 111,2 N |
Praxistipp
Die Zugprüfung ist eine zerstörende Prüfung. Sie darf nur an Musterteilen durchgeführt werden, nicht am fertigen Kabelbaum. Planen Sie bei Produktionsstart immer Erstmusterteile für die Zugprüfung ein – typisch sind 3–5 Stück pro Querschnitt und Kontakttyp.
5. Löt-Anforderungen
Kapitel 3 behandelt Lötverbindungen an Klemmen und Anschlusspunkten. Die Revision E hat die Lötanforderungen bewusst mit dem IPC J-STD-001 harmonisiert, damit Hersteller konsistente Qualitätsstandards anwenden können. Unsere Fertigung kombiniert beide Standards – mehr dazu unter Qualitätssicherung und in unserer Zertifikatsübersicht.
Akzeptable Lötverbindung
- Glatte, glänzende Oberfläche (bleihaltig) oder gleichmäßig matt (bleifrei)
- Lot füllt die Verbindung gleichmäßig – konkave Lotmeniske
- Drahtumschlingung um Klemme: min. 180° (Klasse 2) bzw. 270° (Klasse 3)
- Keine kalte Lötstelle (graue, körnige Oberfläche)
Häufige Lötdefekte
- Kalte Lötstelle – unzureichende Benetzung
- Lotbrücken zwischen benachbarten Kontakten
- Thermische Schäden an Isolierung innerhalb 1 Drahtdurchmesser
- Überschüssiges Lot – konvexer Meniskus oder Lottropfen
Hommer Zhao
Founder & General Manager, Wiringo
"Der größte Fehler bei der Lötinspektion? Die Verwechslung von bleifreiem Lot mit kalten Lötstellen. Bleifreies Lot hat von Natur aus eine mattere Oberfläche. Wenn Prüfer nach dem alten Glänz-Kriterium arbeiten, wird jede zweite Verbindung fälschlich als Defekt bewertet. Schulung nach Revision E ist hier entscheidend."
6. Inspektion und Abnahme
Die Inspektion ist das Herzstück der IPC/WHMA-A-620-Anwendung. Jeder Fertigungsschritt hat drei Bewertungskategorien: Zielzustand (Target), Akzeptabel (Acceptable) und Defekt (Defect). Die Grenzen verschieben sich je nach Produktklasse. Für einen Überblick über die wichtigsten Prüfverfahren empfehlen wir unseren Artikel zu Prüfverfahren für Kabelbäume.
Bewertungssystem
Zielzustand (Target)
Der perfekte Zustand – so soll es sein
Akzeptabel
Abweichung vorhanden, aber innerhalb der Grenzen
Defekt
Außerhalb der Grenzen – Nacharbeit oder Ausschuss
Typische Inspektionspunkte
Crimphöhe
Messung mit Mikrometer, Vergleich mit Herstellervorgabe
Crimpbreite
Symmetrischer Materialeinsatz ohne seitliches Aufspringen
Isolationsfreilegung
Korrekte Abisolierlänge, keine Beschädigung der Einzeldrähte
Zugprüfung
Zerstörende Prüfung an Musterteilen nach Tabelle
Lötstelle
Gleichmässige Benetzung, keine kalte Lötstelle, korrekter Meniskus
Steckerbestückung
Kontakte im richtigen Cavity, Primärverriegelung eingerastet
Kennzeichnung
Lesbarkeit, Haltbarkeit, korrekte Zuordnung
Kabelführung
Biegeradien eingehalten, keine mechanische Belastung

7. Zertifizierung und Schulung
Die IPC bietet ein abgestuftes Zertifizierungssystem an. Die Schulung wird ausschließlich über IPC Accredited Training Partners durchgeführt. In Deutschland und Europa bieten Organisationen wie PIEK International und EPTAC entsprechende Kurse an.
CIS – Certified IPC Specialist
Für Mitarbeiter in der Fertigung und Qualitätssicherung.
- • 3 Tage Schulung + Online-Prüfung
- • Gültig für 2 Jahre
- • Fokus auf Anwendung und Inspektion
CIT – Certified IPC Trainer
Für interne Trainer, die im Unternehmen CIS-Schulungen durchführen.
- • 5 Tage Schulung bei Accredited Training Partner
- • Berechtigt zur internen CIS-Schulung
- • Rezertifizierung alle 2 Jahre
Kosten und Zeitaufwand
Eine CIS-Schulung kostet typisch 800–1.500 EUR pro Teilnehmer, die CIT-Schulung 2.500–4.000 EUR. Für Unternehmen mit mehr als 10 Fertigungsmitarbeitern lohnt sich ein interner CIT – die CIS-Schulung kann dann firmenintern durchgeführt werden.
8. Lieferantenbewertung nach IPC 620
Für Einkäufer ist die IPC/WHMA-A-620-Zertifizierung ein entscheidendes Qualitätssignal bei der Lieferantenqualifizierung. Doch Zertifikat ist nicht gleich Zertifikat. Hier sind die Fragen, die Sie Ihrem Lieferanten stellen sollten:
Welche IPC 620 Revision verwenden Sie?
Revision E (2022) sollte Standard sein. Ältere Revisionen deuten auf fehlende Aktualisierung hin.
Haben Sie CIS- oder CIT-zertifiziertes Personal?
Fragen Sie nach der Anzahl und den Gültigkeitsdaten der Zertifikate.
Bis zu welcher Klasse fertigen Sie?
Klasse 3 erfordert erhebliche Investitionen in Prüftechnik und Schulung. Nicht jeder Hersteller kann das.
Wie dokumentieren Sie Nacharbeit?
Bei Klasse 2 und 3 muss jede Nacharbeit traceable dokumentiert werden.
Welche Crimp-Messmittel setzen Sie ein?
Mikrometerschrauben, Crimphöhen-Messgeräte und kalibrierte Zugprüfmaschinen sollten vorhanden sein.
Hommer Zhao
Founder & General Manager, Wiringo
"Wir sehen häufig Lieferanten, die ‘IPC 620 zertifiziert’ als Marketingbegriff verwenden, aber tatsächlich nur ein oder zwei Mitarbeiter mit abgelaufenem CIS-Zertifikat haben. Fragen Sie immer nach der Gesamtanzahl zertifizierter Mitarbeiter und dem Verhältnis zur Fertigungsmannschaft. Ein guter Richtwert: mindestens 1 CIS-Prüfer pro 8 Fertigungsmitarbeiter."
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ist IPC/WHMA-A-620 eine Pflicht-Norm?
Nein, es handelt sich um einen freiwilligen Branchenkonsensstandard. Er wird jedoch von vielen OEMs als vertragliche Anforderung an ihre Lieferanten vorgeschrieben, insbesondere in Automotive, Aerospace und Medizintechnik.
Was kostet der IPC/WHMA-A-620E Standard?
Der Standard kann über den IPC-Shop bezogen werden. Die Einzelplatzlizenz liegt bei etwa 200–350 USD je nach Format (Print/Digital). Für Unternehmen mit mehreren Standorten gibt es Site-Lizenzen.
Welche Klasse brauche ich für Automotive-Kabelbäume?
In der Regel Klasse 2 für nicht-sicherheitsrelevante Bereiche. Für sicherheitskritische Systeme (Bremsen, Airbag, ADAS) wird häufig Klasse 3 verlangt, oft in Kombination mit IATF 16949.
Wie lange dauert die IPC 620 CIS-Zertifizierung?
Die Schulung dauert typisch 3 Tage, gefolgt von einer Online-Prüfung. Das Zertifikat ist 2 Jahre gültig. Eine Rezertifizierung ist in 1 Tag möglich.
Ersetzt IPC 620 die ISO 9001?
Nein. IPC 620 ist ein produkt- und prozessspezifischer Standard für die Kabelbaum-Fertigung. ISO 9001 ist ein übergreifendes Qualitätsmanagementsystem. Beide ergänzen sich, ersetzen sich aber nicht.
Welche Änderungen brachte Revision E gegenüber D?
Revision E führte ein komplett neues Kapitelsystem ein, harmonisierte die Lötanforderungen mit IPC J-STD-001 und aktualisierte zahlreiche Abbildungen. Außerdem wurden Abschnitte zu neuen Technologien wie Ultraschallschweißen erweitert.
Quellen und weiterführende Links
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Mit über 15 Jahren Erfahrung in der Kabelbaumbranche verbindet Hommer technisches Know-how mit internationalem Einkaufswissen. Er gründete Wiringo, um europäischen Unternehmen den Zugang zu qualitätsgeprüfter Kabelkonfektion zu erleichtern.
