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Über den Autor dieses Artikels:
Ich (Hommer Zhao) betreibe Produktionsstätten sowohl in China als auch mit europäischen Partnern. Dieser Artikel basiert auf 15 Jahren Erfahrung auf beiden Seiten – kein Marketing, sondern echte Zahlen aus der Praxis.
Die Ausgangslage 2026
Die Zeiten, in denen China automatisch „billig" bedeutete, sind vorbei. Löhne in chinesischen Küstenstädten haben sich in 10 Jahren verdreifacht. Gleichzeitig haben Lieferkettenprobleme, neue Zölle und steigende Logistikkosten das Bild verändert.
China 2026
- • Durchschnittslohn Facharbeiter: ~€600/Monat
- • Stromkosten: Gestiegen, regional unterschiedlich
- • Qualitätsniveau: Stark verbessert (Top-Tier)
- • Automatisierungsgrad: Hoch
- • Lieferzeit nach Europa: 6-8 Wochen (See)
Europa 2026
- • Durchschnittslohn Facharbeiter: €2.500-4.000/Monat
- • Stromkosten: Hoch, stabil
- • Qualitätsniveau: Sehr hoch, dokumentiert
- • Automatisierungsgrad: Mittel bis hoch
- • Lieferzeit innerhalb EU: 1-3 Wochen
Die wichtigste Erkenntnis:
Die Lohnkostendifferenz allein rechtfertigt China nicht mehr. Erst wenn alle Faktoren – Material, Logistik, Qualität, Risiko – eingerechnet werden, ergibt sich das wahre Bild. Und das ist oft überraschend.
Der wahre Kostenvergleich
Viele Unternehmen vergleichen nur den Stückpreis – und erleben böse Überraschungen. Hier eine realistische Kalkulation für einen typischen Kabelbaum (mittelkomplex, 1.000 Stück):
| Kostenfaktor | China | Europa |
|---|---|---|
| Stückpreis (FOB) | €12,00 | €18,00 |
| Seefracht pro Stück | €1,50 | €0,30 |
| Zoll (3,7% Elektronik) | €0,50 | €0 |
| Qualitätssicherung | €0,80 | €0,20 |
| Kommunikation/Reisen | €0,60 | €0,10 |
| Kapitalbindung (8 Wo.) | €0,40 | €0,08 |
| Risiko-Aufschlag (5%) | €0,75 | €0,18 |
| Total Cost of Ownership | €16,55 | €18,86 |
| Realer Vorteil China | ~12% (nicht 33% wie Stückpreis suggeriert) | |
Nicht eingerechnet:
- • Zeitverlust bei Qualitätsproblemen (Nachproduktion = +8 Wochen)
- • Währungsschwankungen EUR/USD/CNY
- • Produktionsstillstand bei Lieferverzug
- • CO2-Fußabdruck (falls relevant für Kunden)
Qualitätsunterschiede: Die Wahrheit
Lassen Sie mich mit einem Mythos aufräumen: Chinesische Qualität ist nicht per se schlecht. Tatsächlich werden die meisten iPhones, Tesla-Komponenten und Premium-Elektronik in China gefertigt – auf höchstem Niveau.
Top-Tier China (Tier 1)
- IATF 16949 / ISO 13485 zertifiziert
- Westliche Qualitätsstandards
- Vollständige Rückverfolgbarkeit
- AQL 0,65 oder besser
Preis: Nur 20-30% unter Europa
Low-Cost China (Tier 3)
- Oft keine echte Zertifizierung
- Materialsubstitution möglich
- Keine Rückverfolgbarkeit
- AQL 4,0 oder schlechter
Preis: 50-60% unter Europa – aber hohes Risiko
Die entscheidende Frage:
Wollen Sie 50% sparen und 10% Ausschuss riskieren? Oder 25% sparen bei gleicher Qualität wie Europa? Die Antwort bestimmt, welchen Lieferanten Sie wählen sollten.
Lieferzeiten & Logistik
| Phase | China | Europa |
|---|---|---|
| Angebot & Klärung | 3-7 Tage | 1-3 Tage |
| Muster | 3-4 Wochen | 1-2 Wochen |
| Serienproduktion | 2-3 Wochen | 2-3 Wochen |
| Transport | 4-6 Wochen (See) | 3-5 Tage |
| Zoll & Abwicklung | 3-7 Tage | 0 Tage |
| Gesamt (typisch) | 10-14 Wochen | 3-5 Wochen |
Express-Option China:
Luftfracht reduziert Transport auf 5-7 Tage – kostet aber €8-15/kg. Bei typischen Kabelbäumen (200g/Stück) sind das €1,60-3,00 extra. Oft wird die Ersparnis damit aufgefressen.
Express-Option Europa:
Bei echtem Eilbedarf: Produktion in 5-7 Tagen möglich, Transport über Nacht. Aufpreis ca. 20-30% – aber Sie haben die Ware in 2 Wochen statt 12.
Kommunikation & Service
Das unterschätzte Problem: Die Zeitverschiebung und Sprachbarriere kosten mehr Zeit als die meisten kalkulieren.
Typischer Tag mit China-Lieferant:
- • 07:00 E-Mail geschrieben
- • 16:00 Antwort erhalten (unvollständig)
- • 16:30 Rückfrage gesendet
- • Nächster Tag 08:00 Antwort
- → 1 Frage = 2 Tage
Typischer Tag mit EU-Lieferant:
- • 09:00 E-Mail geschrieben
- • 10:30 Antwort erhalten
- • 10:45 Telefonat zur Klärung
- • 11:00 Thema erledigt
- → 1 Frage = 2 Stunden
Das „Lost in Translation" Problem:
Selbst mit gutem Englisch gehen Nuancen verloren. „Die Kabel sollen fest sitzen" kann bedeuten: leicht ziehbar für Service, oder: bombenfest für Vibration. Solche Missverständnisse führen zu teuren Nacharbeiten.
Versteckte Risiken
IP-Schutz / Produktpiraterie
Ihre Zeichnungen könnten kopiert werden. Patentschutz schwer durchsetzbar.
Rechtssicherheit, NDA durchsetzbar, Vertragspartner identifizierbar.
Lieferkettenunterbrechung
COVID, Hafenschließungen, politische Spannungen – alles erlebt.
Kürzere Wege, alternative Routen, keine geopolitischen Risiken.
Materialsubstitution
Ohne Vor-Ort-Kontrolle schwer erkennbar. „Equivalent" ist nicht gleich.
Transparenz, bekannte Lieferanten, einfach auditierbar.
Compliance (REACH, RoHS)
Zertifikate manchmal gefälscht. Haftung bleibt beim Importeur.
Zertifikate verifizierbar, Haftung beim Hersteller.
Währungsrisiko
EUR/USD/CNY-Schwankungen können Kalkulation zunichte machen.
Kein Währungsrisiko innerhalb Eurozone.
Wann China die richtige Wahl ist
China macht Sinn wenn:
- 1Hohe Stückzahlen (>10.000/Jahr) – Skaleneffekte wirken
- 2Stabile Designs – wenig Änderungen, lange Produktzyklen
- 3Lange Vorlaufzeit OK – keine eiligen Nachbestellungen
- 4Einfache Produkte – wenig Interpretationsspielraum
- 5Eigene QS-Ressourcen – Sie können vor Ort prüfen
Wann Europa die bessere Wahl ist
Europa macht Sinn wenn:
- 1Kleine/mittlere Stückzahlen (<5.000/Jahr) – Nebenkosten zu hoch
- 2Häufige Änderungen – schnelle Anpassungen nötig
- 3Kurze Lieferzeiten – JIT, Kanban, schnelle Nachbestellung
- 4Komplexe Produkte – viel Abstimmung nötig
- 5Regulierte Branchen – Medizin, Automotive Tier 1, Luftfahrt
- 6IP-sensible Produkte – Innovationen, die kopiert werden könnten
Das Hybridmodell: Best of Both Worlds
Viele unserer Kunden fahren inzwischen eine Dual-Sourcing-Strategie:
So funktioniert's:
Aus China:
- • Standard-Kabelbäume in hoher Stückzahl
- • Produkte mit stabilem Design
- • Planbare Jahresbedarfe
- • Unkritische Anwendungen
Aus Europa:
- • Prototypen und Muster
- • Eilbedarfe und Notfälle
- • Sicherheitskritische Teile
- • Neue Produkteinführungen
Der Vorteil: Sie haben immer einen Plan B und können flexibel reagieren.
Hommer Zhao
Geschäftsführer & Gründer, Wiringo
Meine persönliche Einschätzung:
„Ich sage meinen Kunden immer: China ist eine Strategie, kein Schnäppchen. Wer nur auf den Stückpreis schaut, wird früher oder später bitter enttäuscht.
Die besten Ergebnisse sehe ich bei Unternehmen, die ihre High-Runner nach China verlagern (mit ordentlichem Setup und Qualitätskontrolle) und gleichzeitig einen europäischen Partner für Flexibilität und Notfälle behalten.
Und ja – als jemand mit chinesischen Wurzeln und europäischer Firma sage ich das: Für viele deutsche Mittelständler ist ein europäischer Partner die bessere Wahl. Die versteckten Kosten von China fressen oft die Ersparnis auf.
Die Frage ist nicht „China oder Europa?" – sondern „Was ist für MEIN Produkt optimal?"
Fazit: Die Entscheidungshilfe
Schnell-Check: 5 Fragen für Ihre Entscheidung
- 1Jahresbedarf > 10.000 Stück? → China prüfen
- 2Brauchen Sie Teile in < 4 Wochen? → Europa wählen
- 3Ändern Sie das Design häufig? → Europa wählen
- 4Können Sie Qualität vor Ort prüfen? → China möglich
- 5Ist IP-Schutz wichtig? → Europa bevorzugen
Weiterführende Artikel
Über den Autor
Hommer Zhao – Geschäftsführer, Wiringo
Mit chinesischen Wurzeln und europäischer Geschäftserfahrung kennt Hommer Zhao beide Welten aus erster Hand. Seine Expertise hilft Kunden, die richtige Sourcing-Entscheidung zu treffen – ohne ideologische Vorurteile.
